Einst besaß jede marokkanische Stadt einen zentralen Platz, auf dem Geschichtenerzähler und Musiker die Menschen unterhielten. Doch der Jemaa el-Fna war schon immer der größte und bedeutendste Platz des Landes. Er zog die vielfältigsten Künstler an und gilt bis heute als die wichtigste Sehenswürdigkeit Marokkos.
Wer verstehen möchte, warum dieser Ort so faszinierend ist, sollte am Abend kommen, wenn der Platz zum Leben erwacht. Schon bald sitzt man mitten unter den Zuschauern und genießt die einzigartige Atmosphäre. Für eine kleine Pause bieten die Dachterrassen der Cafés und Restaurants rund um den Platz einen herrlichen Blick über den Jemaa el-Fna und auf das Minarett der Koutoubia-Moschee – ebenso symbolträchtig für Marrakesch wie Big Ben für London. Am nördlichen Rand des Platzes beginnen außerdem die berühmten Souks, die traditionellen Märkte der Stadt.
Das Geheimnis und die Geschichte des Platzes
Niemand weiß genau, wann oder wie der Jemaa el-Fna entstanden ist – nicht einmal die Bedeutung seines Namens ist eindeutig geklärt. Häufig wird er als „Versammlung der Toten“ übersetzt. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass hier bis ins 19. Jahrhundert hinein die Köpfe von Rebellen und Verbrechern öffentlich zur Schau gestellt wurden, denn der Platz diente lange Zeit als Hinrichtungsstätte.
Kuriositäten am Tag: Schlangenbeschwörer und Zahnzieher
Tagsüber wirkt der Platz oft wie eine riesige offene Fläche. Einige Schlangenbeschwörer spielen auf ihren Flöten für Kobras, Heilkundige präsentieren Kräuter und traditionelle Heilmittel, und Zahnzieher bieten mit großen Zangen an, Zahnschmerzen auf drastische Weise zu beseitigen. Tabletts voller gezogener Zähne sollen ihre „Erfahrung“ beweisen.
Die Verwandlung bei Sonnenuntergang: Ein Fest für die Sinne
Erst am späten Nachmittag füllen sich die Gassen und Plätze mit Menschen. Bei Einbruch der Dämmerung flanieren Einheimische und Besucher über den Platz, während Geschichtenerzähler, Akrobaten und Musiker ihre Darbietungen beginnen. Frisch gepresster Orangen- und Grapefruitsaft sorgt für Erfrischung, daneben verkaufen Händler Datteln, getrocknete Feigen, Mandeln und Walnüsse.
Sobald die Nacht hereinbricht, verwandelt sich der Platz in ein riesiges Freiluftrestaurant. Zahlreiche Essensstände, beleuchtet von Gaslampen, verbreiten köstliche Düfte, während Rauchschwaden vom Grillen in den Nachthimmel aufsteigen.
Die Rhythmen der Nacht: Geschichtenerzähler und Musiker
Besonders beliebt bei den Einheimischen sind die Geschichtenerzähler, die mit humorvollen und spannenden Erzählungen große Menschenmengen anziehen. Zahlreiche Musiker spielen traditionelle Instrumente und sorgen für eine unverwechselbare Stimmung.
Am Abend treten ganze Musikgruppen auf, darunter die berühmten Gnaoua-Trance-Musiker mit ihren hypnotischen Rhythmen, klingenden Metallkastagnetten und tiefen Trommelschlägen. Andere Gruppen spielen marokkanische Volksmusik, bekannt als Chaabi, und selbst spät in der Nacht erklingen noch die sanften Töne der ginbri-ähnlichen Lauten.
Praktische Tipps: Erfrischungen und verantwortungsvoller Tourismus
Neben den Künstlern gibt es auch kleinere Attraktionen wie Ringwurfspiele oder Wahrsager. Frauen bieten Henna-Tattoos an, doch Vorsicht vor sogenannter „schwarzer Henna“, die gesundheitsschädlich sein kann – natürliche Henna ist rot.
Tagsüber versuchen Affenhalter und Schlangenbeschwörer oft, Touristen zu Fotos mit den Tieren zu bewegen. Da diese Tiere häufig schlecht behandelt werden, ist es empfehlenswerter, stattdessen Erinnerungsfotos mit den traditionellen Wasserverkäufern in ihren prächtigen roten Gewändern oder mit den berühmten Zahnziehern zu machen.